Casting Shows & Desensibilisierung unseres Gehörs
Hey Folks,
jeder von uns kennt Sie, viele von uns hassen Sie und noch mehr von uns fallen darauf rein. Die Rede ist von den unzähligen Castingshows im deutschen Fernsehen.
Sei es The Voice, DSDS, Popstars, Superstar, Supertalent, X-Factor, oder auch das neue Medium Unser Star für Baku von Stefan Raab (den ich für gewöhnlich musikalisch sehr schätze).
Man mag nun die minimalen Unterschiede aufzählen worin sich die einzelnen Shows unterscheiden und dennoch bleibt der Schwerpunkt immer der Gleiche und genauso die damit verbundene Gehirnwäsche. Wer glaubt Ihm bleibe wirklich die Möglichkeit objektiv und nach Qualität des Gesangs zu urteilen was ihm gefällt, der ist entweder stark darin die Medientechniken zu ignorieren, oder irrt gewaltig.
Gehirnwäsche?
Es beginnt schon bei der Vorstellung des Künstlers, in der wir selbst schon beim ersten Auftreten einer Person urteilen. Um die Zuschauer gleich schon zum start in die gewünschte Trendrichtung zu lenken verwendet man unterschwellige Medientricks:
Beispiel:
Klaus Kleber erhält in seinem Vorstellungsvideo eine wunderbare, trickfilmartige, musikalische Untermalung. Die Ausleuchtung und Auswahl der Clips garantiert das wir optisch schon die Person die uns dort vorgesetzt wird für unattraktiv halten. In Familie und Freundeskreis sucht man sich die dämlichsten Personen für ein Interview heraus. Das alles wird dann zusammengeschnibbelt zu dem Fail-Video womit der Künstler vorgestellt wird und dieser hat schon beim Publikum verloren bevor er überhaupt die Bühne betritt.
Beispiel02:
Max Mustermann, erhält schon zu anfang ein Image ("Der blonde Weiberschwarm"etc.). Im Vorschauvideo ist er perfekt geschminkt und ausgeleuchtet. Die Familie liebt ihn und seine Freunde wünschen ihm alle das er gewinnt. Das Sahnehäubchen wird aufgesetzt dadurch das mit traurigster Filmmusik (Armageddon, Stadt der Engel etc.) untermalt der Bewerber von einem harten Schicksalsschlag erzählt, der meist mit seiner musikalischen Fähigkeit in keinerlei Verbindung steht.
Max Mustermann geht auf die Bühne und präsentiert eine musikalische Leistung die nach normalen Kriterien als Standard und kaum besonders herausragend zu werten ist. Ausnahme ist das nun das ganze Publikum im Hinterkopf hat: "Aber sein Karnickel ist doch gestorben!", "Der Junge muss jeden Sonntag Erbsensuppe essen, wie furchtbar", "Aber die Tante seines Stiefbruders väterlicherseits hatte mal Krebs!".
Die wahren Größen gehen nicht zu solchen Shows
Aus persönlicher Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Musikern kann ich allerdings sagen das die Regelhaltung talentierter Musiker einige Kernpunkte hat:
- Wer schon seit vielen Jahren übt und evtl sogar Unterricht hatte, evtl. sogar schon eine kleine Fangemeinde hat und ein gesundes Selbstbewusstsein, wird sich nicht die Blöße geben sich von einer Jury abgehalfterter Spontan-Pop-Ergüße in seinen Grundfesten bewerten zu lassen. Für viele ist der bisherige Weg schon so viel Wert das man darauf vertraut es selbst zu schaffen, ohne nach der Blitzlösung durch das Fernsehen zu suchen.
- Künstler die durch solche Shows gefördert werden, bekommen meist die richtig netten Knebelverträge mit schlechtesten Konditionen, bei denen jeder kleinen Band die schonmal einen Labelvertrag geschlossen hat die Kinnlade herunterfallen würde.
- Der Ruhm hält nicht lange vor. Meist ist der Höhenflug von durch solche Shows geförderten Künstlern schnell wieder vorbei. Das schlimmere ist allerdings, dass ein durch solch eine Show behafteter Name in alternativszenen zum Mainstream wohl niewieder bekannt werden wird.
In letzterem Fall führe man sich mal den Karriereverlauf von Martin Keseci zu gemüte, der nach einem kurzen Höhenflug durch den Gewinn einer Castingshow und 2 CD's sofort wieder von der Bildfläche verschwunden war. Was aber niemand so wirklich wusste war, dass dessen Metalband emkay schon deutlich länger existierte als sein Superstar-Ruf.
Nachdem er aus dem Rampenlicht der Medien verschwunden war, versuchte er sich erneut mit wucherndem Bart und langen Haaren in der alten Szene und trat als Special Guest auf dem Wacken Open Air auf, wo ich persönlich Zeuge war wie sich zigtausende von Leuten mit dem Rücken zur Bühne wandten. Das erschreckende: Die Musik seiner Metalband emkay war wirklich garnicht mal so übel. Aber bekannterweise sind solche Pop-Images in der Metalszene genauso verpöhnt wie auch Bands deren Studioproduktionen und Equipment von Mama und Papa bezahlt werden, während andere Bands sch diese hart durch Gigs erarbeiten.
Desensibilisierung unseres Gehörs
Und hier beginnt was ich als Desensibilisierung der musikalischen Einschätzungsgabe unseres Gehörs bezeichne. Das Empfinden für "Gutklingende Musik" ergibt sich immer aus dem womit unsere Ohren tagtäglich konfrontiert werden. Sei es durch Radio, MTV, Shows etc.
Castingshows verzeichnen inzwischen so hohe Einschaltquoten, dass diese in Deutschland eine maßgebliche Rolle spielen für die Bildung unseres musikalischen Gehörs und unseres Empfindens für guten und richtigen Gesang.
Ich selbst meide solche Shows und höhre auch sehr selten Radio. MTV und andere Musiksender sehe ich prinzipiell nicht. Natürlich bleibt man nie völlig gefeit vor den Einflüssen der Mainstreambewegung / Charts. Trotz dessen kann ich klar sagen, dass ich immer in größeren Abständen man eine dieser Castingshows angesehen habe und daraus ein klares Fazit ziehe: Umso mehr von diesen Shows kommen und umso öfter sie erscheinen, umso schlechter wird die Qualität der Leute die sich dort bewerben.
Ich kann jedem nur empfehlen sich mal die allerersten Casting-Shows anzusehen und wie dort bewertet und gesungen wurde und sich danach nochmal eine der aktuellen Shows anzusehen.
Euch wird es wie Schuppen von den Augen fallen, wie gruselig schlecht teilweise die Top-Kandidaten der heutigen Shows sind. Wir sind inzwischen durch diese Sendungen einfach gewohnt konstant schlechte Leistungen zu hören, die wir früher einfach nicht gehört hätten in den Medien. Diese schlechten Leistungen zwingen unser Gehör förmlich dazu dankbar zu sein für jeden Brotkrumen den man ihm mit einem geraden Ton zuwirft.
Wir sollten langsam einsehen, dass wir mit solchen Shows nicht die großen Talente wählen, sondern lediglich: Das geringste Übel
Hail to the mudking!
euer Zarak
